Waldbaden

Man hört doch immer wieder von der „Bucket list“, auf Deutsch auch „Löffelliste“. Das ist eine Liste von Dingen, die man in seinem Leben noch machen möchte, bevor man den Löffel abgibt. Wenn ich eine solche Liste führen würde, hätte da „24 Stunden im Wald verbringen“ darauf gestanden, und zwar schon seit ein paar Jahren. Und jetzt hab ich es getan. Ich hab meinen Rucksack mit Isomatte, Schlafsack und Proviant gepackt, mir ein Waldgebiet ausgesucht und bin hingefahren. Mit geringst möglicher Vorüberlegung und Vorbereitung, um die Bedenken der letzten Jahre gleich auszubremsen.

Nachdem ich in einem kleinen Dorf im Altmühtal am Hahnenkamm mein Auto geparkt hatte, bin ich losgelaufen. Ich bin hier zum ersten Mal und nehme mir vor, mich von meiner Intuition leiten zu lassen, um den richtigen Platz zu finden. Zuerst lande ich in einem Fichtenforst, das passt nicht, also dreh ich um und geh weiter. Beim zweiten Abstecher vom Hauptweg bin ich in einer Aufforstung. Überall sind Schutzmanchetten, Markierungen und Hochstände. So hab ich mir das nicht vorgestellt. Mir kommt der Gedanke, dass man so einen Platz vielleicht besser im Vorfeld sucht? So viel zur Intuition. Ich geh weiter. Es ist ein Naturwaldreservat, da wird doch noch ein schöner Buchen-Mischwald kommen. Ich mache noch ein, zwei Abstecher ins Unterholz und dann finde ich einen Platz mit alten Buchen, einem moosigen Baumstumpf auf einer kleinen Lichtung, viel Jungwuchs. Es ist nicht der perfekte Platz, aber hier bleibe ich.

Noch ehe ich mit einer Meditation beginnen kann, überfällt mich schon der Hunger und Durst. Ich mach es mir angelehnt an den Buchenstamm gemütlich. Bei der anschließenden Erkundung der Umgebung bemerke ich nicht nur eine alte amerikanische Pepsidose in unmittelbarer Nähe, sondern auch eine kleine Jagdhütte mit Gartenzaun. Tja, so viel zur Wildnis. Aber von meinem Platz aus ist davon nichts zu sehen. Ich bleibe und blende den Holz- und Jagdwirtschaftsraum samt Menschen aus. Jetzt beginnt mein Waldbad, Stück für Stück tauche ich in die Atmosphäre des Waldes ein. Ich beobachte die Licht- und Schattenspiele, lausche dem Rascheln, Zirpen und Rufen und sitze einfach nur da. „Ich bin Teil des Waldes“ ganz nach Wolf-Dieter Storl, denke ich, sofern das mit meinem Outdoorequipment möglich ist.

„Vor allem hab Zeit und nimm Umwege. Lass dich ablenken. Mach sozusagen Urlaub. Überhör‘ keinen Baum und kein Wasser.“

Peter Handke

Aber es ist wie in der Meditation, sobald man sich hinsetzt und es still wird, schießen die Gedanken kreuz und quer durch den Kopf. Wilde Wechsel von Szenen, Situationen, Träumen. Warum ist Stille so schwer auszuhalten? Jedes Geräusch macht mich neugierig und lenkt mich wieder ab. Was ich wohl zu sehen bekomme? Gerade habe ich ein Buch über den Wolf gelesen. Jetzt spukt er mir im Kopf herum. Was wäre, wenn es hier Wölfe gäbe? Immerhin weiß ich jetzt, dass Wölfe sich völlig lautlos bewegen und Menschen nicht zu ihrem Beuteschema gehören. Wie aufregend wäre es einen zu sehen!

Ich erkunde wieder die Gegend, während mein Gehirn Gedankenspiele macht. Was wäre, wenn ich hier überleben müsste? Was könnte ich essen? Wie gut wäre ich ausgerüstet? Ich hätte Günther Nehbergs Survival Buch mitnehmen sollen! Darin steht sogar beschrieben, wie man einen Hasen häutet – vorausgesetzt man hat ihn erlegt. Sollte ich einen Kurs im Bogenschießen machen?

Ich gehe zurück zu meinem Baum, trinke eine Tasse Tee und esse mein letztes Brot. 14:30 Uhr. Die Zeit vergeht so zäh wie Karamell. Ich döse ein bisschen vor mich hin. Beobachte dann wieder die vielen Sechs- und Acht-Beine um mich herum. Hin und wieder höre ich auch Radfahrer und Fußgänger auf den Wegen, Flugzeuge, Kirchenglocken, ein Auto. Die Zivilisation ist nicht weit weg.

Dann geht langsam die Sonne unter. Und auf einmal bäumt sich alles in mir auf: Pack jetzt bloß deine Sachen und geh wieder zum Auto! Du könntest heute haben auf dem Sofa sitzen und einen Film anschauen! Du könntest bequem in deinem Bett schlafen, was willst du denn hier noch? Ich spüre die Unruhe, den Zweifel, warum bin ich hier? Warum tu ich das? Ich lass die Gedanken lärmen und stelle mich auf den Baumstumpf und mache den yogischen Baum. Ich balanciere auf einem Bein, verbinde mich mit den Bäumen, mit der Gemeinschaft, mit dem Ökosystem. Ich bleibe.

„Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt“

Kahlil Gibran

19:00 Uhr: Ich krieche in meinen Schlafsack. Ich seh die letzten goldenen Sonnenstrahlen durch die Äste scheinen. Dann sind sie verschwunden. Es rauscht in den Blättern oder tropft es? Es rauscht! Nein, es tropft doch. Ich springe aus meinem Schlafsack, um mich zu vergewissern. Ja, es tropft! Was nun? Schnell zusammenpacken, abbrechen? Bevor ich das entscheide, breche ich eine Regel und schalte das Telefon ein. Mit dem Regenradar vergewissere ich mich, dass es sich nur um einen kleinen Wolkenschleier handelt, der schnell vorbeizieht. Ich schlüpfe zurück in meinen Schlafsack und harre aus. Und dann sehe ich doch noch die Sterne durch’s Blätterdach funkeln.

Jetzt lausche ich den nächtlichen Geräuschen. Unter meinem Kissen höre ich Kratzgeräusche, dann höre ich einen Kauz rufen und schließlich hustet noch ein kleines Wesen oder ist es ein Fauchen? Ich schließe die Augen und schlafe ein, bin aber dennoch auf der Hut. Immer wieder wache ich auf, war da ein Knacken, ein Laufen, ein Atmen? Ich höre angestrengt. Vielleicht ein Fuchs, ein Wildschwein? Ist das hier wirklich einen gute Idee? Doch nichts. Es scheint sich niemand für mich zu interessieren. Auch gut. Wind zieht auf, bewegt die Baumwipfel und wenn man die Augen schließt klingt das Rauschen wie eine Meeresbrandung. Und so schlummere ich wieder ein.

Und dann nach einer langen Nacht, der Sonnenaufgang! Warmes Licht strömt durch die Blätter auf mein Nest und ich mache die Augen auf: Ich hab’s geschafft, ich habe überlebt, es ist mir nichts passiert. Ein Glücksgefühl durchströmt mich.

Und welche Erkenntnisse habe ich gewonnen? Es ist wichtig, sich Zeit zu nehmen und zu geben. Es tut gut, sich mit der Natur zu verbinden. Es ist lohnend, sich auf neue Abenteuer und Überraschungen einzulassen. Und es ist heilsam, sich Wünsche zu erfüllen.

Was steht auf Deiner Löffelliste?

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