Alles auf Anfang?

Aus der Auszeit und dem Kloster bin ich wieder in Ansbach angekommen und schlitterte fast übergangslos in einen neuen Alltag. In der turbulenten Zeit im Kloster hatte ich mir nicht viel Gedanken darüber gemacht, wie ich mein Leben wieder einrichten will, geschweige denn, mir eine Übergangszeit zu nehmen. Und dann stand ich wieder in meiner Wohnung mit einem kleinen Haufen an Post, einer langen Liste an Pflichten und Aufgaben und einem großen inneren Widerstand, wieder in eine Alltagshektik zu verfallen. Ich war wieder am gleichen Ort, in der gleichen Wohnung, beim gleichen Arbeitgeber, aber ich war nicht mehr dieselbe. Und so leicht der Wiedereinstieg in die vertraute Umgebung war und so schön es war, wieder daheim zu sein, ich hatte Mühe, mich wieder darauf einzulassen. Der alte Rhythmus passte nicht mehr und einen neuen musste ich erst finden. Dabei steckte ich gleich schon mitten drin.

Die Arbeit nahm im Homeoffice und gelegentlichen Bürotagen Fahrt auf. Zwar fanden keine Dienstreisen und Veranstaltungen statt, aber ansonsten ging die Arbeit in der üblichen Fülle weiter. Und daheim musste ich mich wieder um alles kümmern, was anstand oder was ich für die Auszeit auf Eis gelegt hatte und nicht zuletzt, um Essen und Einkaufen. Auch die neuen Corona-Verhaltensregeln musste ich erst lernen: Mit wem darf ich mich wie und wo treffen? Von der ländlichen Ruhe stolperte ich in ein wieder geschäftiger werdendes Stadtleben. Von Vogelgezwitscher zu Autoverkehr, lauter Musik und lauten Nachbarn.

Wieder in einen Tritt zu kommen war schwieriger als gedacht. So sehr ich die ersten Tage allein in meiner Wohnung genossen habe, so sehr habe ich in den darauffolgenden Tagen Menschen um mich herum vermisst. Ich habe ein Jahr lang fast ununterbrochen mit anderen Menschen in einem Haushalt gelebt und jetzt musste ich mich wieder auf das Alleinsein einstellen und mich verabreden, Termine machen. Ich vermisste Menschen um mich herum, ein „Guten Morgen“, essen in Gesellschaft, das Gefühl der Gemeinschaft, das Gesehenwerden. Und ich spürte, dass ich nicht mehr in mein altes Leben passte. Es war wie ein Kleidungsstück, dass an einigen Stellen drückte und zwickte und an anderen zu locker ist.

Obwohl Treffen mit Menschen aus anderen Haushalten wieder möglich sind, sind alle noch vorsichtig. Die Treffen, die stattfinden, werden dadurch kostbarer, sie sind nicht mehr selbstverständlich jederzeit möglich. Wir sind zurückhaltend, es gibt kein Handgeben, keine Umarmungen, keine Berührung. Beim Einkaufen empfinde ich den Abstand als wohltuend, auch im Büro gibt es mehr Platz und Ruhe durch die Abstandregelung, aber im Privaten fehlt mir die Nähe zu anderen Menschen. Ich kann mir gar nicht ausdenken, wie sich die Menschen jetzt in Frankreich ohne die Wangenküsschen begegnen. Ich hatte Gefallen daran gefunden und jetzt muss wohl, wie hier auch, ein Lächeln ausreichen.

Aus der Corona-Zeit rückblickend bin ich unglaublich dankbar, meine Auszeitjahr ohne Pandemie und Einschränkungen verbracht haben zu können. Was für ein Glück! Das macht es nochmal wertvoller. Und manchmal wundere ich mich selbst über den Mut, die Entschlossenheit, die ich aufgebracht habe, um mir das zu verwirklichen. Und mitten im Alltag, im neuen alten Leben kommt mir es mir fast unwirklich vor, so lange weg gewesen zu sein. Aber dann merke ich, dass ich ruhiger geworden bin. Ich bin ruhiger geworden, weil ich mir einen großen Wunsch erfüllt habe.

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