Corona-Zeit im Kloster

Zwischen Kloputzen und Videokonferenzen – so könnte man meine Zeit während des Corona-Lockdowns umschreiben. Für die letzten Tage meiner Auszeit im März bin ich nochmal in den Johanneshof gefahren, dem buddhistischen Studienzentrum, das ich im Januar kennen gelernt hatte. Ich hatte geplant, an einem 4 Tages-Seminar teilzunehmen und anschließend als Helferin weitere zwei ruhige Wochen zu bleiben. Zu der Zeit spitzte sich allerdings die Coronakrise zu und das Seminar musste leider abgesagt werden. Aber die TeilnehmerInnen durften dennoch anreisen und die Tage im Johanneshof verbringen.

Da der Seminarleiter nicht anwesend sein konnte, übernahm die Hausgruppe das Seminar und improvisierte kurzerhand Vortrags- und Gesprächsrunden. Es war sehr beeindruckend, in welcher Ruhe und Gelassenheit die Dinge so akzeptiert wurden, wie sie waren und so das Beste aus der Situation gemacht wurde. Im Laufe der Seminartage fiel dann aufgrund der Entwicklungen die Entscheidung, das Haus für die nächsten drei Monate zu schließen. Alle, die bereits da waren, durften bleiben. Das war mein Glück! Geplante Seminare mussten abgesagt werden, neue Gäste durften nicht mehr anreisen. Durch diese schmerzhaften und existenzbedrohenden finanziellen Einbußen wurden als erste Maßnahme alle Ausgaben auf ein Minimum reduziert. Besonders spürbar und schmerzlich war das beim Essen. Der Käse wurde rationiert, es gab vor allem regionales Saisongemüse (Kohl und Rüben) und vegane Zubereitung. Eine zweite wichtige Veränderung war die Hygiene im Haus. Um uns bestmöglich zu schützen wurden neue Desinfektions- und Reinigungsregeln, sowie Verhaltensregeln aufgestellt.

In den ersten Tagen habe ich in jeder Arbeitszeit geputzt und desinfiziert, ca. 6 Stunden am Tag. „Alle Bäder, zehn Toiletten, drei Häuser, 108 Klinken und Schalter“ wurde eines unserer täglichen Mantras. Trotz der überschaubaren Zahl von 15 Menschen, die noch da waren, gab es immer viel zu tun. Ich glaube, während meiner zweimonatigen Zeit im Johanneshof, hab ich nur an ganz wenigen Tagen kein Klo geputzt. Das gehörte irgendwann zur Routine, wie das morgendliche Zähneputzen und Meditieren.

In dieser Anfangszeit der Corona-Beschränkungen war es trotz des strikten Klosterzeitplans unruhig und aufgewühlt. Für einige der Hausgemeinschaft war eigentlich Urlaubszeit, aber Reisen war ohne Risiko nicht mehr möglich. Es gabe viele Gesprächsrunden, in denen wir über die aktuellen Entwicklungen, Notwendigkeiten und Quarantäneregeln sprachen und es gab natürlich auch kontroverse Diskussionen. In der Hausleitung entstand in dieser Zeit schnell die Idee von der Organisation von Videokonferenzen, um mit der Sangha, der buddhistischen Gemeinschaft, in Kontakt zu bleiben und gerade in dieser Zeit die Vermittlung der Lehre aufrecht zu erhalten. Da die Kultur und Lehre des Hauses sonst im persönlichen Kontake gelebt wird, war das ein Riesenschritt und Paradigmenwechsel, der schnellstmöglichst vollzogen werden sollte, auch, um Einnahmen zu generieren.

Kurzerhand wurden alle nicht anderweitig gebundenen Personen auf dieses Projekt angesetzt. Gemeinsam mit einer weiteren Helferin bildeten wir das neue Tech-Team und erschlossen uns in aller Schnelle die Welt der Onlinekonferenzen. Das bedeutete kein Putzen und Staubsaugen mehr, sondern Hardware und Software testen, mit fünf Rechnern hantieren, Meetings simulieren und in vielen Besprechungen ein mögliches Veranstaltungskonzept entwickeln. Binnen weniger Tage machten wir den ersten Härtetest mit vertrauten auserwählten Mitgliedern der Sangha und siehe da, es funktionierte! In einer Austauschrunde waren die Reaktionen der Sanghamitglieder sehr euphorisch und dankbar, das war sehr motivierend.

Der amerikanische Abt und Lehrer des Klosters erklärte sich schnell bereit, während des Shutdowns regelmäßige live-Vorträge zu halten. Wir arbeiteten also ausschließlich an der Vorbereitung und Verbesserung der Webinare und Austauschformate mit der besonderen Herausforderung, dass der Lehrer in den USA, die Direktorin und Übersetzerin in Japan und wir im Südschwarzwald uns in drei Zeitzonen abstimmen und koordinieren mussten. Auch wenn die ersten Male noch etwas holprig verliefen und uns die Internetverbindung zu schaffen machte, die Resonanz war überwältigend. Über 100 TeilnehmerInnen aus der ganzen Welt spendeten und loggten sich zu den Vorträgen ein. Der Grundstein für ein erstes Online-Programm und einer neuen Einnahmequelle war gelegt.

Und dann stand am 1. April mein erster Arbeitstag an. In vielen Gesprächen eruierte ich meine Möglichkeiten. Denn während des Lockdowns allein in meiner Wohnung in Ansbach zu sitzen und zu arbeiten war keine verlockende Aussicht. Und da mein Arbeitgeber allen MitarbeiterInnen die Möglichkeit einräumte, von zu Hause zu arbeiten, lag der Gedanke nah, einfach im Johanneshof zu bleiben und von dort die Arbeit wieder aufzunehmen. Gesagt, getan. Ich bekam ein Notebook und ein Smartphone geschickt und nahm mit meinen KollegInnen an den regelmäßigen Videokonferenzen und Teambesprechungen teil. Den Einstieg hatte ich mir ganz anders vorgestellt und es war am Anfang nicht leicht, gedanklich wieder in die Verbandswelt einzutauchen und den Spagat zwischen Kloster und Projektmanagement hinzubekommen. Aber es war möglich. Bizarr hat es sich vor allem dann angefühlt, wenn ich in den Videokonferenzen in meinen Zimmer saß und die Hausgemeinschaft unter mir Oriyoki gegessen und rezitiert hat.

Ich stand also um 5:30 auf, meditierte von 6:00 bis 7:00 Uhr im Zendo, machte von 7:15 bis 8:30 Hausarbeit und dann gab’s Frühstück. Es folgte Abspüldienst und Klosterarbeitszeit bis 12:30 Uhr. Mittagessen und Mittagspause. Anschließend arbeitete ich von 14 Uhr bis 19 Uhr für den DVL, freute mich sehr, wenn mir Paul einen seiner besonderen Tees oder Espressi ins Zimmer reichte, machte mich um 19:30 wieder auf den Weg zu Meditation und fiel kurz nach 21 Uhr ins Bett. Das waren meinen Tage und es funktionierte eine ganze Weile lang erstaunlich gut und Woche für Woche blieb ich.

Während die Zeit für viele Menschen stillstand, war im Johanneshof ein reges Treiben. Es wurden Bäder renoviert, Zimmer als Quarantäne-Zellen eingerichtet, Holzböden abgeschliffen und mit der Gartenarbeit begonnen. Wir haben weiter mit unseren limitierten personellen Kapazitäten ständig geputzt, geräumt, Wäsche gewaschen. Und die Online-Seminare veranstaltet. Die Hauptarbeitslast verlagerte sich dabei schnell ins Büro, wo die zahlreichen Anfragen und Anmeldungen und die Kommunikation bewältigt werden mussten. Und um dort zu unterstützen fand ich mich jeden Vormittag im Büro wieder. So saßen Beate und ich die Vormittage zu zweit vor einem iMac und versuchten der Lage Frau zu werden.

„Und sie lebten gelassen und heiter?“ – so war’s leider nicht. Die langen Tage und die intensive Arbeit erschöpften einige von uns sehr. Und weil in einem Kloster, trotz teilweiser jahrelanger Praxis, auch nur Menschen leben, nahmen aufgrund der besonderen Situation (UrlauberInnen kamen zurück, Quarantäne-Regeln wurden angepasst, die Onlineaktivitäten waren fordernd, der Staub und Dreck im Haus…) die Konflikte zu. Im Laufe der Zeit steigerten sich diese zu Streitereien, Rüchsichtlosigkeiten, Ausgrenzung und Anschweigen. Und auch ich bin zwischen die Fronten geraten und nicht neutral geblieben. Und obwohl mir klar wurde, das dahinter eine schon länger gärende, tiefgreifenden Unzufriedenheit der HausbewohnerInnen stecken musste, war dieses Erleben ziemlich verstörend und belastend für mich. Ich suchte in dieser Zeit immer wieder das Gespräch mit Beate und Ulrich und konnte dadurch verstehen lernen, dass es gut ist, wenn sich solche Emotionen zeigen und nicht mehr verdrängt oder versteckt werden und dass es wichtig ist, sich dagegen zu versiegeln. Dass dadurch ein Prozess in Gang kommt, der klärend und reinigend sein kann. Eine große Herausforderung für die Hausleitung.

Es gab Tage, da war die Stimmung kaum auszuhalten. Aber weil es so viel zu tun gab, die Belastung zu groß war, fanden keine Aussprachen statt. Es hat sich so angefühlt, als stände ein immer größer werdender Elefant im Raum und wir drückten uns jeden Tag um ihn herum. Ich stürzte mich jede freie Minute in die Arbeit, immer mehr im Büro des Johanneshofs, um Beate und die Hausleitung zu unterstützen und weniger in meine Projektarbeit. Das konnte natürlich kein Dauerzustand werden, zumal die Situation im Haus immer belastender wurde. Als dann Anfang Mai die ersten Lockerungen von den Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Kraft traten, und im Kloster der Stundenplan umgestellt und die Weckzeit wieder 4:30 Uhr war, reifte in mir die Entscheidung, den Johanneshof zu verlassen und wieder nach Ansbach in meine Wohnung zurückzukehren. Bis zur letzten Minute vor meiner Abfahrt, hab ich mit Beate im Büro die Arbeit strukturiert und bin dann ins Auto gestiegen und losgefahren.

Aus zwei Wochen sind zwei Monate Klosteraufenthalt geworden. Und aus einer geplanten Zeit der Ruhe und Besinnung ist die vielleicht arbeitsintensivste Zeit meines Lebens geworden. Das war meine Corona-Erfahrung. Und ich bin dankbar dafür. Dankbar für die Zeit in einer Gemeinschaft und wohlbehütet auf dem Land. Dankbar für den klaren Stundenplan, der den Tagen Struktur gab. Dankbar dafür, bekocht worden zu sein – ich liebe die Getreidebreie und Suppen am Morgen! Dankbar, Teil des Online-Abenteuers gewesen zu sein. Dankbar für die Gespräche mit Beate, Ulrich und Dieter, die mir geholfen haben, die Geschehnisse und die buddhistische Sichtweise zu verstehen. Dankbar für das Vertrauen und die Wertschätzung, die mir entgegengebracht wurden. Dankbar für die Einsichten, die ich in dieser Zeit bekommen habe. Dankbar für die Ruhe und Kraft des gemeinsamen Zazen.

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