Buddhas Weg

Nachdem ich jetzt 9 Monate unterwegs war und viel erlebt habe, stand mir für das neue Jahr die innere Einkehr im Sinn. Zur Ruhe kommen. Und wo geht das besser als in einem Meditationszentrum? Also habe ich mich Anfang Januar zum Zen Buddhistischen Zentrum im Südschwarzwald aufgemacht, um dort 2 Wochen zu verbringen. Schon die Fahrt dorthin entschleunigt, denn man verlässt früh die Autobahn und fährt lange über die gewundenen Landstraßen des Schwarzwalds bis nach Herrischried.

Wenn man dort einen Tempel oder andere asiatische Architektur erwartet, sucht man vergeblich. Der Johanneshof besteht aus zwei typischen Schwarzwaldhäusern und einer Scheune, die als Meditationshalle umgebaut wurde. Auf den ersten Blick ist also nichts Ungewöhnliches zu erkennen, weswegen ich auch prompt vorbeigefahren bin.

Einmal eingetreten in das Haupthaus spürt man sofort ein besondere Atmosphäre. Es ist ruhig im Haus, es ist gemütlich und einladend. Ich werde herzlich empfangen und beziehe nach dem Rundgang mein Zimmer, das ich mit Nicole, einer Hausbewohnerin und ordinierten Buddhistin teile. Sie sagt mir auch, dass während des Seminarbetriebs, der Monatg und Dienstag wie Wochenende für sie ist und sich daher alle etwas ausruhen können. Ich bin zum Helfen gekommen, das bedeutet, dass ich die Gemeinschaft, die aus etwa 15 Personen besteht bei allen anstehenden Aufgaben während des Seminarbetriebs unterstütze. Dafür gibt es zweimal am Tag Arbeitstreffen, an denen die Aufgaben verteilt werden. Morgens und Abends wird meditiert, was hier Zazen heißt. Praktiziert wird hier eine japanische Ausprägung des Buddhismus.

Am nächsten Morgen um 5 Uhr geht jemand mit einer Glocke durch’s Haus und weckt die Hausbewohner. Nicole macht sofort das Licht an und steht auf. Ich blinzele noch ein bisschen ungläubig, bin aber auch neugierig auf das was kommt. 15 Minuten später startet der „Han“, ein Countdown, bei dem eine Person nach einem vorgegebenen Muster mit einem Holzhammer auf ein Holzbrett schlägt. Spätestens jetzt gilt es zur Meditationshalle, dem Zendo, aufzubrechen. Er liegt zwischen den beiden Wohnhäusern und man erreicht ihn durch beleuchtete Pfade über eine Wiese. Es ist dunkel und sehr kalt und ca. 50 Personen gehen still und bedächtig in die dezent erleuchtete Halle. Nicole und alle anderen Ordinierten tragen schwarze weite Roben, was sehr imposant und feierlich wirkt. In der Meditationshalle wird jedem ein Sitzplatz zugewiesen, der bereits am Vortag vorbereitet wurde. Man nimmt auf einem Meditationskissen Platz, bewundert die Eleganz und Routine der RobenträgerInnen und versucht sich als AnfängerIn eine vermeintlich bequeme Sitzposition zu nesteln. Es wird 2 x 30 Minuten oder 2 x 40 Minuten still gesessen, dazwischen gibt es 10 Minuten Gehmeditation.

Die ersten Minuten scheint alles gut, man nimmt die Atmosphäre auf, hört vielleicht das Atmen, Husten oder Schlucken der Nachbarn und fängt an, seinen eigenen Atem zu vertiefen und sich auf die Stille einzulassen. Aber es dauert nicht lange bis es ungemütlich wird. Die Beine fangen an zu kribbeln oder zu schmerzen, der Rücken zieht, wilde Gedanken schießen einem durch den Kopf und es scheint unmöglich, jetzt noch weiter sitzen zu bleiben oder die Gedanken aus dem Kopf zu entlassen. Doch der Effekt der gemeinsamen Meditation ist, dass man sitzen bleibt. Natürlich darf man sich bewegen, wenn’s gar nicht mehr anders geht. Aber das tut man eben nur im Notfall und wartete ansonsten darauf, dass der Klangschalenton den stillen Kampf beendet.

Jedes Sitzen war anders. Mal überwiegen die körperlichen Beschwerden, mal lassen sich die Gedanken nicht zügeln, mal überwiegt die Müdigkeit. Und dann gibt es eben auch diese Momente, wo man eine Ahnung davon bekommt, wie es sein könnte, einfach nur zu sitzen und innerlich ruhig zu sein. Und das ist so beflügelnd und befreiend, dass es jede Mühe, jedes frühe Aufstehen wert ist.

Abends läuft das Procedere ähnlich ab, um 21 Uhr ist die Meditation beendet, jeder geht auf sein Zimmer und es herrscht Stille bis zum Morgen. Das Stillsein und in der Stille sein erdet enorm. Alles beruhigt sich, auch das Mitteilungsbedürfnis, das ist befreiend und lässt einen gut schlafen.

Der Rest der Tage wird in klar strukturierten Zeitplänen absolviert: Dabei wechseln sich Arbeitszeiten mit Essenszeiten ab, die mit einer Glocke eingeläutet werden und nachmittags durch eine Pause unterbrochen werden. In meiner Arbeitszeit war ich die meiste Zeit in der Küche, hab Gemüse geschnitten, Salat gerupft und abgespült. Das Arbeiten findet zwar nicht in Stille statt, aber die Idee ist schon, die Kommunikation auf das Mindestmaß zu reduzieren. Zen-Praxis bei der Arbeit bedeutet auch, sich auf die Arbeit zu konzentrieren und die Arbeit mit Hingabe tun. Tatsächlich war es sehr angenehm in der geschäftigen, aber ruhigen Küche zu arbeiten. Trotzdem darf man sich das nicht meditativ vorstellen, denn das Essen muss pünktlich auf dem Tisch stehen und das muss – in aller Ruhe – aber vorwärts gehen.

Das war der Alltag, den ich erlebt habe. Dazwischen gab es zahlreiche Begegnungen und Gespräche mit den Gemeinschaftsmitgliedern oder Seminargästen, die offen und bereichernd waren. Überhaupt war der zwischenmenschliche Umgang sehr respekt- und rücksichtsvoll. Und das hat natürlich mit der Zen-Praxis zu tun. Darin geht es unter vielem anderen um drei Punkte:

  1. Anzuerkennen, dass meine Wahrnehmung nur meine Wahrnehmung ist, die nicht objektiv ist und auch nicht die einzig mögliche, die Realität ist.
  2. Allem, was mir begegnet mit einem „Achso“ zu Kenntnis zu nehmen, ohne zu werten, einfach anzunehmen.
  3. Alles willkommen zu heißen und mit Wohlwollen und Güte begegnen.

Um dies zu erreichen hilft die Meditation und bewusstes Atmen, durch die wir Distanz zu unseren Automatismen, Konditionierung und Angewohnheiten gewinnen und Widerstände auflösen können. Das ist der Weg Buddhas.

Bleibt noch zu sagen, dass der Buddhismus an sich keine Religion ist, sondern eher eine Lebensphilosophie, ein Lebensweg. Eigentlich wird nicht der Buddha verehrt, sondern sein revolutionärer Weg, sich durch Versenkung von Anhaftung und Leid zu befreien. Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung und die Begegnungen und werde sicher wieder dorthin gehen und bis dahin gilt es die Zenpraxis ins alltäglich Leben zu integrieren.

Jeder bewußte Atemzug ist eine Revolution

Hier geht’s zur Internetseite des Zen Buddhistische Zentrum Schwarzwald: https://www.dharma-sangha.de/

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