Advent, Advent

Während es andrerorts in der Adventszeit besinnlich ist, wird in Frankreich gestreikt. Die Menschen gehen gegen die geplante Rentenreform (Angleichung von Renten, Erhöhung des Rentenalters von 62 auf 64) auf die Straße. Der öffentliche Personentransport ist fast komplett eingestellt, aber das hört man aus Frankreich ja öfter. Der Streik gehört in Frankreich seit 1789 zum schützenswerten, identitätsstiftenden Kulturgut, schreibt Voltaire. Ich habe meine Mitbewohnerin zur Demo begleitet. Wir haben uns einer Musikgruppe angeschlossen, die sich eigens zu Demonstrationszwecken zusammentut und selbstgetextete Lieder singt und spielt. Das bringt, neben der Gemeinschaft und Solidarität, auch noch gute Stimmung und ich kann auch eine Lust am Demonstrieren und am Widerstand spüren, die ansteckend ist. Ich find’s bemerkenswert, dass vor allem auch junge Menschen in Zeiten von virtuellen Realitäten und Netflix für eine würdevolle Rente demonstrieren.

Der Höhepunkt der Adventszeit in Lyon ist aber eigentlich das Fest des Lichts. An 36 Gebäuden oder Orten der Stadt kann man Licht- und Toninstallationen betrachten – ein Spektakel zu dem Tausende von Touristen anreisen, während die Einheimischen davon eher genervt sind. Nachdem ich am Freitag Abend einen Nachtspaziergang durch die Stadt gemacht, konnte ich das verstehen. Der Andrang war riesig, die Stadt völlig gestopft, viele Straßen gesperrt. Viele der Installationen konnte man nur nach Schlangestehen und dann trotzdem nur im Gemenge betrachten und kaum wirken lassen. Laut Programm sind tolle Ideen dabei, aber die Menschenmenge hat mir die Freude daran etwas getrübt.

Ansonsten ist natürlich auch hier zur Adventszeit die Innenstadt mit Lichtergirlanden dekoriert, es gibt einen Weihnachtsmarkt und in den Läden trällern Weihnachtslieder. Darin unterscheidet sich Lyon nicht von irgendeiner anderen Stadt. Aber in unserem Viertel und den Privatwohnungen entdeckt man kaum Dekoration, es leuchten keine Lichter, Schneeflocken oder Sterne in den Fenstern. Tannenreisig, Adventskränze und Kerzen sucht man vergeblich. Es gibt keinen Nikolaus, Adventskalender oder Plätzchen. Und auch wenn die Adventszeit kommerziell völlig überfrachtet ist, fehlen mir diese traditionellen Elemente, mit denen sich im Dezember eine gemütliche und heimelige Stimmung entsteht. In unserem Wohnzimmer habe ich jetzt kurzerhand einen Teller mit Teelichtern und Nüssen aufgestellt. Der sieht zwar ein bisschen verloren aus, aber erinnert wenigstens an die Adventszeit. Am 8. Dezember sind dann doch Kerzen in den Fenstern erschienen: Die Franzosen feiern so Mariä Emfängnis und stellen an diesem Tag ihren Weihnachtsbaum auf.

Mit dem Dezember geht meine Zeit in Lyon zu Ende. Ich hab mich entschieden, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Ganz leicht fällt mir das nicht, Frankreich ist mir ans Herz gewachsen. Ich mag die Menschen, ihre Höflichkeit, ihre entspannte Art zu Essen und zu Trinken, die Märkte und das Französisch, das mir jetzt schon leichter über die Lippen kommt und das ich gern noch vertieft hätte. Aber nach so vielen Monaten „Vagabundendasein“ freue ich mich auch wieder auf meine eigenen vier Wände, auf vertraute Menschen und Umgebung.

Ich wünsche Euch einen gemütliche Adventszeit!

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